Vom Partner zum Gegner? - Drones
Midterms 2026: Viele Menschen in Kyjiw blicken gebannt auf die Wahlen in den USA

Vom Partner zum Gegner?

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    Seit Wochen terrorisiert Russland die ukrainische Hauptstadt mit Luftangriffen. Zivilistinnen und Zivilisten fragen sich, wie lange sie noch in Kyjiw bleiben können; Eltern schicken ihre Kinder zu Verwandten aufs Land. Zudem droht der einst stärkste Partner zum Gegner zu werden. Das Verhalten und die jüngsten Äußerungen der Trump-Administration sind für die Menschen ein Schock. Umso aufmerksamer blicken viele auf die Midterms in den USA. Denn die Machtverteilung in Washington kann ihr Schicksal direkt beeinflussen.

    Es wirkt wie ein zerbrochenes Aquarium. Im Schaufensterrahmen hängen Splitter, dahinter taucht ein Schwimmer ab. Vor einer überlebensgroßen Bademode-Werbung in Kyjiw liegen Abertausende von kleinen Glassplittern auf dunkelgrauem Asphalt. Als würden sich Gischt und Schaumkronen ausbreiten. Doch spätestens das Ausmaß der Zerstörung auf der anderen Straßenseite lässt solche romantisierenden Vergleiche schnell in Vergessenheit geraten. Infolge eines russischen Luftangriffs ist ein riesiger Baumarkt eingestürzt. Metallverkleidungen sind verbogen, als wären sie aus dünner Pappe. Feuerwehrleute löschen die letzten Glutnester in den Ruinen. Sie stehen auf Trümmern, auf eingefallenem Mauerwerk. Ruß und Schweiß auf ihren Gesichtern erzählen von Erschöpfung nach stundenlangem Einsatz.

    Mehrere Angriffswellen

    Mehrmals am Tag jaulen in Kyjiw die Sirenen, rattern die Warn-Apps auf den Smartphones: In der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober erlebten die Bewohnerinnen und Bewohner der ukrainischen Hauptstadt eine besonders heftige Attacke: Die Explosionen von drei Angriffswellen mit ballistischen Raketen und vier Angriffswellen mit Drohnen erschütterten die Stadt. Wohnhäuser, Rettungswachen, Restaurants und Einrichtungen der Metro wurden zerstört oder beschädigt. Ein Toter und 22 Verletzte. So die Bilanz der lokalen Behörden. Kurz zuvor hatten die Vereinten Nationen die September-Statistik für die Ukraine veröffentlicht: 328 getötete und 2.105 verletzte Zivilistinnen und Zivilisten. Nach UN-Angaben der höchste Septemberwert seit Beginn der russischen Vollinvasion. Das Gros der Fälle ist auf Luftangriffe zurückzuführen.

    In der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober wurde Kyjiw von einem besonders schweren Angriff aus der Luft getroffen

    Während der Krieg unbarmherzig an Härte zunimmt, reagiert der amerikanische Präsident Donald Trump auf eine Weise, die die Menschen in der Ukraine nur als neuen Verrat verstehen können. „Russland verhielt sich, offen gesagt, in Ordnung gegenüber der Ukraine. Sie haben nicht viel getan“, verkündet er Mitte Oktober. Sein Sondergesandter Steve Witkoff bezeichnete den russischen Machthaber Wladimir Putin bei einem Besuch in Moskau sogar als „Humanitarian“ (Menschenfreund). Worte, die die Menschen in der Ukraine tief ins Herz treffen. Während Trump den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj immer wieder scharf angreift, ist er für Diktator Putin voll des Lobes. Das erinnert an die brutale Demütigung Selenskyjs vor laufenden Kameras im Oval Office. Es war eine Zeitenwende für die Ukraine. Damals wandte sich der wichtigste Partner vor den Augen der Weltöffentlichkeit ab. Jetzt droht er sogar zum Gegner zu werden.

    Trümmerfelder

    Russland überzieht die gesamte Ukraine mit Luftangriffen. Blackouts werden wieder zum Alltag. Im Donbas vertreiben russische Artillerie-, Raketen-, Drohnen- und Gleitbombeneinschläge das Leben aus den Städten Slowjansk und Kramatorsk. Östlich davon haben die Invasoren Städte und Dörfer bereits in Trümmerfelder verwandelt. Putin als „Menschenfreund“ zu bezeichnen, wirkt da wie blanker Hohn.

    In einem zerstörten Schaufenster geht ein Bademoden-Model auf Tauchgang

    Doch es geht nicht nur um Worte, sondern auch um konkrete Handlungen. Der Kauf russischen Diesels durch die USA war nur die Spitze des Eisbergs. Es gab Einschränkungen bei der Nutzung von „Intelligence Sharing“, also der unter anderem zur Frühwarnung vor Raketenangriffen wichtigen Weitergabe von Geheimdiensterkenntnissen und Aufklärungsdaten. Zwischenzeitlich lahmte das kriegswichtige Starlink beziehungsweise die militärische Version Starshield. Die Drosselung erfolgte offensichtlich ohne jede Ankündigung. Nach ein paar Tagen teilte Verteidigungsminister Evenii Khmara zwar mit, dass wieder ausreichende Datenkapazität vorhanden sei. Doch der Vertrauensbruch ist da. Was, wenn es wieder passiert? Was, wenn Elon Musk Starlink komplett sperren lässt?

    Frontkommunikation

    Was der satellitengestützte Kommunikationsanbieter Starshield/Starlink für die Verteidigung der Ukraine bedeutet, weiß Dmytro Shumlianskyi ganz genau. Der junge Mann ist Redakteur des Portals „Militarnyi“, des größten unabhängigen Mediums für Militär- und Verteidigungsthemen. „Das System ist praktisch überall im Einsatz, vom Backup in Krankenhäusern bis zur Frontlinie. Starshield ist Starlink für die militärische Nutzung. Besser verschlüsselt und vor allem erlaubt es mehr Geschwindigkeit“, erklärt Shumlianskyi. Rund 80 Prozent der Frontkommunikation läuft über Starlink/Starshield. Ein Beispiel: Eine über Radiowellen gesteuerte Beobachtungsdrohne erkennt einen russischen Truppenvormarsch. Ihr aufgenommenes Videomaterial beziehungsweise die Koordinaten werden direkt online an die Feuerleitstelle übermittelt. Selbst Stellungen in der umkämpften ersten Linie sind online. Das macht Starlink/Starshield möglich.

    Starlink/Starshield ist an den Stellungen der Front für die Kommunikation überlebenswichtig. Nach der zwischenzeitlichen Drosselung des Systems ist das Vertrauen zerstört

    Musk warf der Ukraine vor, Starlink – gegen Vertragsregeln – als Offensivwaffe zu nutzen. Doch der Ukraine ist es gar nicht möglich, Starlink/Starshield beispielsweise für Angriffe auf Raffinerien zu verwenden. Durch eine Geofence-Sperre ist Starlink/Starshield auf russischem Territorium nicht nutzbar. In dem Augenblick, in dem eine von Starlink/Starshield gesteuerte ukrainische Drohne die Staatsgrenze überquert, geht die Verbindung verloren. Die Drohne stürzt ab. UAS, die auf die von Russland besetzten ukrainischen Gebiete zielen, können jedoch die Satelliten des US-Konzerns nutzen. Sie helfen erfolgreich dabei, militärische Infrastruktur zu zerstören. Im Gegensatz zu Drohnen, die mit Radiowellen gesteuert werden, können sie nicht mit Störsendern abgefangen werden.

    Kein vollwertiger Ersatz

    Die Starlink-/Starshield-Drosselung traf daher nicht zuletzt die Abwehr-Drohnen der ukrainischen Luftverteidigung. „Quasi jeden Tag werden wir hier in Kyjiw mit Jet-Drohnen angegriffen. Diese Drohnen töten und zerstören in unserer Stadt. Abfangen kann man sie beispielsweise mit schnellen Interceptor-Drohnen“, erklärt Dmytro Shumlianskyi. Einige von ihnen verwenden Starshield zur Steuerung. „Mit nur 161 Stundenkilometern sind sie aber als Abwehrwaffe nutzlos“, fügt er hinzu. Und nur bis zu dieser Geschwindigkeit waren sie nutzbar, während die Starlink/Starshield-Anbindung gedrosselt war.

    Die Datenübertragung von den Piloten der Aufklärungsdrohnen zur Feuerleitstelle erfolgt via Starlink/Starshield. Im nächsten Schritt erhält dann die Artillerie ihre Zielkoordinaten

    „Nehmen wir den schlimmsten Fall an, dass Starlink/Starshield der Ukraine gar nicht mehr zur Verfügung steht. Zumindest gäbe es keine Zeit für Panik, so viel hätten wir dann zu tun“, sagt Dmytro Shumlianskyi. Letztendlich gibt es keinen vollwertigen Satelliten-basierten Ersatz. Starlink hat 11.000 Satelliten im Einsatz. Ein Terminal in Kyjiw hat beispielsweise 58 Stück gleichzeitig zur Verfügung. Europa hat nichts Vergleichbares im Angebot: Eutelsat OneWeb (Frankreich/UK) hat 650 Satelliten im Orbit. Seine Terminals sind zudem wesentlich langsamer und teurer. Seit Januar 2026 ist GOVSATCOM operativ. Hier sind europäische Militärsatelliten gebündelt. Ab Anfang 2027 sollen kommerzielle Anbieter eingebunden werden. Die Ukraine steht in Verhandlungen über einen Vollbeitritt. Doch mehr als Basis-Anforderungen für die militärische Kommunikation werden nicht erfüllt. Dann ist da IRIS, das EU-Flaggschiff. Der Start ist für 2029 geplant. „Im vollen Dienst dann ab 2030“, seufzt der ukrainische Experte. Zu spät und ebenfalls nicht so leistungsfähig wie Starlink. Intensive Vertragsverhandlungen führt die ukrainische Seite derzeit mit dem finnischen Unternehmen ICEYE. „Mit Glasfaser, Radiowellen und Knotenschaltungen könnte in einigen Bereichen kurzfristig Abhilfe geschaffen werden“, meint der Experte. „Was eine Lehre auch für Europa sein muss, unabhängig von US-Systemen zu werden. Von Abwehrraketen bis zur Satellitennutzung. Verlorene Zeit kostet am Ende Menschenleben. Es muss schneller gehen“, sagt Dmytro Shumlianskyi. Trinkt seinen Kaffee aus und eilt zurück ins Büro.

    Kälte als Waffe

    Seit Beginn der Vollinvasion 2022 versucht die russische Armee, die Kälte als Waffe zu benutzen. Kraftwerke, Transformatoren, Gas- und Wasserversorgungseinrichtungen werden Jahr für Jahr vor allem ab Herbst mit Drohnen und Raketen angegriffen. 600.000 Menschen mussten im vergangenen Winter Kyjiw verlassen. Sie drohten bei über minus 25 Grad Celsius Außentemperaturen in den eigenen Wohnungen zu erfrieren. Der ukrainischen Armee gelingt es an der Front, Gebiete zurückzuerobern. Schläge gegen russische Raffinerien schränken den Geldfluss für Russlands Angriffskrieg ein. Das alles hilft den Menschen in Kyjiw und in den Städten im ganzen Land wenig bei russischen Luftschlägen.

    Menschen wie der 40-jährigen Hanna, die mit ihren Töchtern (7 und 9 Jahre) in der Innenstadt auf die Metro-Station Arsenalna zusteuert. Ihre Mutter hat Geburtstag, und sie hält einen Blumenstrauß in der Hand. „Das Leben unter dauernden Angriffen ist beängstigend“, erklärt sie. „Ich mache mir um meine Kinder Sorgen. Zu Beginn des Krieges flohen wir für zwei Monate. Dann war das Heimweh zu stark“, berichtet sie. „Jetzt mache ich mir Gedanken, ob wir nicht zu unseren Verwandten nach Spanien zurückkehren sollen. Die Situation ist furchtbar“, fügt sie hinzu. „Die Nachrichten schmerzen mich zu sehr. Mein Mann sieht sie sich immer an. Ich schaffe es nicht. Aber es ist klar, der Kurs Amerikas ist einfach nur schockierend“, sagt sie zum Abschied.

    Gefährliche Überquerung

    Rund 750 Meter entfernt gibt es in einem Park einen Ausblick über den Dnipro und das Kyjiw vom „linken Ufer“. Yulia steht da und blickt über die mächtigen Brücken, die schon von Drohnen angegriffen wurden. „Viele fühlen sich unwohl, wenn sie nun den Dnipro überqueren“, sagt sie. Sie selbst wohnt auf der anderen Seite. „Mein Sohn ist seit einigen Wochen bei seinen Großeltern auf dem Land, weit weg von Kyjiw. Er ist 15 Jahre alt. Sein Unterricht ist online. Ich besuche ihn, wann immer es mir möglich ist. Er fehlt mir natürlich. Aber er ist in Sicherheit“, sagt sie. Yulia ist nicht alleine. Viele Familien stellen sich die Frage, ob sie ihre Kinder noch einmal einen solch brutalen Winter wie im Vorjahr durchleiden lassen können. Ob die Stadt noch sicher genug für eine Familie ist. Die Menschen der Stadt haben Putins Ziel verstanden: Kyjiw soll unbewohnbar werden.

    Yulia hat ihren 15-jährigen Sohn zu den Großeltern aufs Land geschickt. „Es ist zu unsicher in der Stadt geworden“, erklärt sie

    „Vor einigen Tagen begleitete ich meinen Mann auf Geschäftsreise in die Karpaten. Es war so ruhig. Keine Alarme, keine Explosionen. Stille und Natur. Ich merkte, wie es meinem Körper, meinen Nerven gut getan hat. Endlich einmal durchschlafen“, dann geht es für Yulia zurück. Mit dem Auto über den Dnipro. Und mit einem beklemmenden Gefühl im Bauch.


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