„Die Welt soll nicht vergessen, was hier passiert.“


Seit mehr als viereinhalb Jahren bestimmt der Widerstand gegen den russischen Angriffskrieg das Leben der Ukrainerinnen und Ukrainer. Auch am 35. Jahrestag der Unabhängigkeit nach dem Ende der Sowjetunion. Russlands Präsident Wladimir Putin versucht derweil mit gnadenloser Brutalität, mit Drohnen, Gleitbomben und Granaten die Zeit zurückzudrehen. In Kramatorsk dokumentiert Journalist Dmytro Hlushko das Kriegsgeschehen. Und Drohnenjäger versuchen, den fliegenden Tod aufzuhalten.
In Kramatorsk, einer Stadt im Oblast Donezk im hart umkämpften Osten der Ukraine, geht Dmytro Hlushko – ein wenig außer Atem – durch ein Treppenhaus nach oben. Im dritten Stock steht ein Mütterchen. Katzen streifen um ihre Beine. Sie löffelt Katzenfutter aus einer Dose in einen kleinen Teller, den sie auf den Boden stellt. Die beiden begrüßen sich mit einem kurzen Lächeln. Zwischen dem dritten und vierten Stockwerk beginnt Schutt auf den Betonstufen zu liegen. Trümmerstücke auf glattem Beton. Schnell überzieht eine graue Schicht die Schuhe des 32-jährigen Journalisten. Vor wenigen Tagen war er schon einmal hier, in den frühen Morgenstunden. Eine Gleitbombe war in den Wohnblock eingeschlagen. Die Explosion riss ein rechteckiges Loch in das Haus, drei Stockwerke hoch. Wie in ein Puppenhaus kann man seither hinter die Fassade blicken. Die Einsicht zeigt Zerstörung. Gebrochenes Mauerwerk, das Möbel unter sich begraben hat. Es sind verstörende Einblicke im Halbdunkel. Der junge Mann blickt vom Treppenhaus aus durch eine zerborstene Tür über eine bodenlose Wohnung hinaus auf Kramatorsk.
Attacken dokumentieren
„Nicht jeder hat diesen Einschlag überlebt. Einen Toten sah ich in den Trümmern liegen“, sagt Dmytro Hlushko leise. Er macht nicht viele Worte. Nach dem russischen Angriff filmte er, wie so oft bei anderen Attacken zuvor. „Ich hatte meine Kamera nicht dabei und nahm mein Smartphone“, erklärt er. Dmytro Hlushko, kurz Dima, dokumentiert den Krieg in Kramatorsk. Es ist vielleicht die traurigste Form des Lokaljournalismus. Früher hat er auch Hochzeiten in seiner Heimatstadt gefilmt. Es klingt unwirklich, als er davon erzählt. Eine Hochzeit, die das Leben feiert, passt nicht ins heutige Kramatorsk. Der Krieg greift langsam, aber immer schneller und mit fester Hand tief in das Herz der Stadt. Er ist dabei, es abzudrücken. Vor der russischen Vollinvasion lebten fast 150.000 Menschen in der Industriestadt. Fast 80 Prozent von ihnen dürften geflohen sein. Tag für Tag werden es mehr. Kramatorsk ist kein sicherer Ort zum Bleiben.

Zwischen Kramatorsk und Kostjantyniwka: Ausgebrannte Wracks stehen am Straßenrand. Der Tod aus der Luft kann jeden Augenblick kommen. Die Fahrer geben Vollgas, wann immer es möglich ist
Die Front rückt immer näher. Keine 12 Kilometer sind es mehr. Kramatorsk kann mittlerweile selbst durch kleine und wendige Kamikaze-Drohnen erreicht werden. Russische Gleitbomben, Langstreckendrohnen und Granaten schlagen fast täglich in der Stadt ein. Dmytro Hlushko hält ihre Zerstörung fest. Er dokumentiert eine Stadt unter Beschuss, seine Heimatstadt. Filmt den nächsten Häuserblock, den es trifft. Manchmal, sagt er, ist es, als würde ihm dabei die Brust vor Schmerz zerreißen.
Tödliche Doppelschläge
Kramatorsk ist still geworden. Sieht man vom Lärm der nahen Front ab. Wummernde Artillerie, Explosionen. Noch immer sind einige Cafés und Supermärkte geöffnet. Doch Woche für Woche werden es weniger. Der junge Journalist berichtet für die digitale Zeitung „Kramatorsk Post“; seine Fotos und Clips werden in den sozialen Medien geteilt. Aber er filmt auch für internationale Abnehmer: „Von der ARD bis zu Voice of America“, sagt er. „Es ist mir wichtig zu zeigen, was mit meiner Heimatstadt geschieht“, fügt er hinzu. Keine ungefährliche Aufgabe. Denn nicht selten töten russische Angriffe mit Doppelschlägen. Kommen die Helferinnen und Helfer nach dem Treffer, schicken die Angreifer eine weitere Granate, Drohne oder Gleitbombe auf dasselbe Ziel. Um die zu töten, die retten wollen. Oder die, die wie Dmytro Hlushko berichten.
In der Stadt wachsen die Netztunnel über den Straßen. Wie überall nahe der Front. Laut ukrainischen Angaben sind rund 1.200 Kilometer Straßen mit Netzen geschützt. Fährt Dmytro Hlushko unter ihnen durch Kramatorsk, huschen an der Seite Drachenzähne vorbei. Eckige Betonteile, die als Panzersperren dienen. In der Sonne glitzert frisch verlegter Stacheldraht entlang der Fußgängerwege. Die ukrainische Armee beginnt, die Stadt auf einen möglichen Straßenkampf vorzubereiten. „Ich möchte lieber nicht daran denken, wie lange ich noch bleiben kann. Wie Kramatorsk Ende des Jahres aussieht“, meint der Journalist. Seine Eltern und Großeltern sind auch noch vor Ort. „Ich würde mich wohler fühlen, wenn sie die Stadt verlassen“, erklärt er.
Verteidigungsgürtel
Kramatorsk und das nahe Slawiansk gehören zum Verteidigungsgürtel der Ukraine im Donbas. Für Putin läuft es in seinem Angriffskrieg alles andere als nach Plan. Die Wirtschaft schwächelt, sie ist in weiten Bereichen völlig dem Krieg untergeordnet. Russland rüstet weiter auf. Die Schulden wachsen, die Gesellschaft wird militarisiert. 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche werden in der Jugendarmee gedrillt und lernen dort, zu töten. Die staatlichen Auslandsreserven Russlands schmelzen ab. Weit über die Hälfte des russischen Staatshaushalts wandert in den Krieg, auch wenn der Kreml die Zahlen herunterrechnet.

In der Todeszone: Gerade ist eine Kamikaze-Drohne in ein Auto eingeschlagen …
Nach über vier Jahren der Vollinvasion spüren erstmals auch große Teile der russischen Bevölkerung die Auswirkungen des Krieges. Wenn auch in einem ganz anderen Ausmaß als die Menschen der Ukraine. Durch Drohnenangriffe auf Raffinerien weit im Hinterland herrscht Spritmangel in Russland. Mit Ausdauer haben die ukrainischen Streitkräfte die Logistik des russischen Militärs schwer beschädigt. Die Ukraine hat eigene Marschflugkörper entwickelt, bei der Innovation der tödlichen Drohnen einen Vorsprung errungen. An der Front geht es für die Invasoren nur schleppend voran. Kurz: Putin braucht Erfolge.
Unvollständige Liste
Um sein Gesicht als Führer eines autoritären Staats zu wahren, muss er Stärke zeigen. Die vollständige Eroberung des Donbas zum Jahresende würde dem Machthaber dabei helfen. Um sein Ziel zu erreichen, schont Putin auch das eigene Militär nicht. Laut ukrainischen Quellen und westlichen Geheimdiensten hat Russland täglich bis zu 1.500 Tote und Verwundete zu verzeichnen. Eine neue Mobilisierungswelle soll weitere 500.000 Soldaten an die Front bringen. Für die Menschen im Donbas bedeutet das weitere Zerstörung. Mariupol, Bachmut, Torrezk, Tschassiw Jar, Pokrowsk, Kostjantyniwka: So lautet die unvollständige Liste zerstörter Städte im Donbas. Dmytro Hlushko befürchtet, dass auch Kramatorsk darauf Platz finden wird. „Ich hoffe, dass meine Aufnahmen den Ernst der Lage zeigen“, sagt er zum Abschied.
Das nahe Druschkiwka ist schon eine Geisterstadt. Das Surren einer Kamikaze-Drohne kündigt die Gefahr an. Oleg reißt sein Schnellfeuergewehr nach oben, zielt: ein Schuss, ein dumpfer Knall. „Ein Schuss, ein Treffer. Das klappt nicht so oft“, jubelt der 58-Jährige. Vor ihm zieht sich eine der Hauptstraßen von Druschkiwka. Der Netztunnel über dem Asphalt ist durch Explosionen beschädigt. Ein Einschlag hat ein gepanzertes Armeefahrzeug völlig ausbrennen lassen. Die Schutzgitter auf der Karosserie konnten das nicht verhindern. Fast 54.000 Menschen lebten vor der Invasion in der Stadt. Druschkiwka liegt zwischen dem umkämpften Kostjantyniwka und Kramatorsk. Heute können Kamikazedrohnen jeden Augenblick den Tod bringen. Oleg jagt sie, holt sie vom Himmel. Er riskiert dabei sein Leben. Sichten ihn die Drohnen, wird er selbst zum Ziel. Sein Blick schweift über den Platz im Zentrum. Leere Fensterhöhlen glotzen auf die Straße. Die Häuser rund um den Platz stammen noch aus Stalins Zeiten. Keines von ihnen ist unbeschädigt. Der gegenüberliegende Supermarkt ist nur noch eine Ruine.
Straßen als Landmarken
Oleg ist auch auf der Straße von Kostjantyniwka nach Kramatorsk auf Drohnenjagd. Das Asphaltband zieht sich an halb zerstörten, verlassenen Dörfern entlang. Keine halbe Stunde vergeht, ohne dass irgendwo die Salven von Schnellfeuer- oder Maschinengewehren bellen. Die Drohnenjäger nehmen unter Büschen versteckt die russischen FPV-Drohnen ins Visier, die Richtung Kramatorsk fliegen und sich dabei an der Straße als Landmarke orientieren. Oder Fahrzeuge jagen, die deswegen in halsbrecherischem Tempo vorbeidonnern. Weniger schnell zuckeln die Landdrohnen, die Lebensmittel und Material zu den Einheiten bringen. Alle paar hundert Meter stehen ausgebrannte Autos und unbemannte Bodenfahrzeuge, die von Drohnentreffern berichten. „Besser nicht die Drohnen in der Luft verfehlen, sonst kann es tödlich enden“, sagt Oleg.

Drohnenjäger zwischen Kramatorsk und Kostjantyniwka im Einsatz. Die Soldaten riskieren viel. Verfehlen sie ihr Ziel, kann es den Tod bedeuten
Dmytro Hlushko ist Soldaten wie Oleg dankbar. „Sie schützen uns“, sagt er und berichtet von den vielen Drohnenangriffen, die es schon in Kramatorsk gab. „Viele Zivilisten kommen dabei ums Leben. Russland bombardierte den Bahnhof, Wohnhäuser, Cafés und Hotels. Nichts ist sicher“, erklärt er. Auch Journalistinnen und Journalisten verloren bereits zwischen Kramatorsk und Kostjantyniwka ihr Leben. Vor allem durch Drohnenangriffe. Der 32-Jährige ist sich dessen bewusst. „So lange es geht, werde ich meine Aufgabe erfüllen. Das hier ist Kramatorsk, meine Heimatstadt. Die Welt soll nicht vergessen, was hier passiert“, sagt er zum Abschied.
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