Die UxS-Industrie wird zur kritischen industriellen Infrastruktur


Die vergangenen 18 Monate waren für die Branche der unbemannten Systeme von historischer Bedeutung. Die Marktkapitalisierungen steigen, die Investitionsbereitschaft hat Rekordwerte erreicht, Mergers & Acquisitions (Fusionen und Übernahmen) nehmen Fahrt auf, und auf beiden Seiten des Atlantiks werden neue Produktionsstätten eröffnet. Zusammengenommen deuten diese Entwicklungen auf etwas Größeres als bloßes Branchenwachstum hin: Die UxS-Industrie wird zur kritischen industriellen Infrastruktur.
Zwei Triebkräfte beflügeln diese Dynamik. Erstens haben die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten die Sichtweise nationaler Regierungen auf unbemannte Systeme sowie auf die Notwendigkeit der Drohnenabwehr grundlegend verändert. Das macht sich überall auf der Welt in Militärbudgets, Beschaffungsprioritäten und Industriestrategien bemerkbar. Zweitens sind KI und Autonomie zu einer gemeinsamen Investitionsmaxime verschmolzen. Drohnen und Roboter werden zunehmend zu den Vehikeln, durch die künstliche Intelligenz Einzug in die physische Welt hält.
Die größte Finanzierungsrunde in der Geschichte Europas
Bei der AUVSI verfolgt ein spezielles Analyseteam Finanzierungen, Verträge, M&As sowie Produktionsankündigungen im gesamten globalen UxS-Ökosystem. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Seit Januar 2025 wurden weltweit rund 75 Milliarden US-Dollar an abgeschlossenen Investitionsrunden bei 390 Unternehmen sowie über 200 M&A-Ankündigungen erfasst. Das erste Quartal 2026 war dabei das stärkste seit Beginn der Aufzeichnungen, in dem mit 35,4 Milliarden US-Dollar fast die Hälfte der erfassten Investitionssumme eingesammelt wurde. Auf Unternehmen aus dem UAS-Sektor entfielen 10,9 Milliarden US-Dollar (verteilt auf 131 Firmen). Europas Anteil belief sich auf 11 Milliarden US-Dollar bei 107 Unternehmen, angeführt vom Vereinigten Königreich (27), Deutschland (19) und Frankreich (10). Und die Finanzierungsrunden werden immer größer. Allein in der ersten Juli-Hälfte schloss Quantum Systems eine Series-D-Finanzierung über 1,2 Milliarden US-Dollar bei einer Bewertung von 8 Milliarden US-Dollar ab, die gemeinsam von Blackstone und Airbus angeführt wurde; die britische Kraken Technology Group sammelte 175 Millionen US-Dollar ein, unter anderem mit Rheinmetall als Geldgeber; und Helsing besiegelte eine Series-E-Runde über 1,8 Milliarden US-Dollar bei einer Bewertung von 18 Milliarden US-Dollar – die größte Finanzierungsrunde eines Rüstungs-Startups in der Geschichte Europas.

Quartalsweise eingeworbenes Kapital im Bereich unbemannte Systeme, Robotik & Autonomie (Quelle: AUVSI Research)
Das Kapital gestaltet auch die Wettbewerbslandschaft um. Die USA und Europa haben traditionell eine Marktstruktur, die von einer Handvoll etablierter Großkonzerne (Primes) geprägt ist – Lockheed Martin, RTX und Boeing in den USA; Airbus, Thales, BAE Systems und Rheinmetall in Europa. Diese haben die Vergabe von Verteidigungsaufträgen in den vergangenen Jahrzehnten dominiert. Diese etablierten Konzerne werden nun von finanzstarken Startups wie Anduril und Neros in den USA sowie Helsing und Quantum Systems in Europa herausgefordert. In der Vergangenheit reagierten die Großkonzerne auf Wettbewerb stets mit Übernahmen. Mit den jüngsten Risikokapitalbeteiligungen ist erneut ein Trend in diese Richtung zu verzeichnen. So führte beispielsweise Airbus die Finanzierungsrunde für Quantum Systems an, Rheinmetall ist in Kraken investiert. Die Platzhirsche tasten sich offenbar langsam vor und fühlen den Puls des Marktes, bevor es zu tatsächlichen Übernahmen kommt.
In der ersten Juli-Woche folgten Übernahmen, schwerpunktmäßig im maritimen Bereich: Thales stimmte dem Kauf von Exail für rund 4,5 Milliarden US-Dollar zu, Lockheed Martin übernahm Ultra Maritime für 3,5 Milliarden US-Dollar und die italienische Fincantieri verkündete gleich vier Deals im Bereich der unbemannten Wassersysteme an einem einzigen Tag. Bei den landgestützten Systemen drifteten die beiden Märkte jedoch auseinander. US-Unternehmen im UGV-Sektor sammelten seit Januar 2025 29 Milliarden US-Dollar ein, verglichen mit 4,7 Milliarden US-Dollar in Europa. Der Hauptgrund dafür ist der verstärkte Fokus auf die Entwicklung physischer KI in Form von selbstfahrenden Autos (angeführt von der 16-Milliarden-Dollar-Runde von Waymo) und humanoiden Robotern.
Der US-Markt steht interessierten Unternehmen offen
Währenddessen versucht die US-Politik, die beiden Industriezentren enger zusammenzuführen. Im Dezember setzte die FCC, die amerikanische Telekommunikationsbehörde, im Ausland gefertigte Drohnen und kritische Komponenten auf ihre Verbotsliste („Covered List“) und sperrte damit den US-Markt für neue ausländische Modelle – allen voran für chinesische. Das Ziel ist kein abgeschotteter Markt, sondern ein vertrauenswürdiger Markt. Infolgedessen beschleunigte sich die heimische Produktion in den USA: Seit Januar 2025 wurden 103 Fabriken angekündigt, was einer Produktionsfläche von über 1,8 Millionen Quadratmetern, Investitionen in Höhe von 17 Milliarden US-Dollar und mehr als 22.000 Arbeitsplätzen entspricht. Interessanterweise hat die FCC-Beschränkung Hersteller aus verbündeten Nationen keineswegs abgeschreckt, sondern vielmehr angezogen: 18 ausländische Firmen haben US-Niederlassungen angekündigt oder bereits eröffnet, um ihre Produktion vor Ort anzusiedeln („Onshoring“) und so direkt am US-Ökosystem für unbemannte Systeme teilzuhaben. Das polnische Unternehmen EU Motors, Orqa aus Kroatien und die ukrainische Firma General Cherry eröffnen Fabriken in den Vereinigten Staaten; das portugiesische Tekever eröffnete seine erste US-Niederlassung in der Nähe von Fort Bragg; und Helsing wählte nur wenige Tage nach seiner Rekordrunde West Virginia für eine 50 Millionen US-Dollar teure Fabrik mit einer Zielkapazität von 2.000 Kampfdrohnen pro Monat. Die Botschaft ist klar: Für Unternehmen, die in sichere Lieferketten und eine lokale Fertigung investieren, steht der US-Markt offen.
Die Verteidigungshaushalte und neue Risikokapitalfonds weisen in dieselbe Richtung: Die Nachfrage bleibt ungebrochen hoch, und weiteres Kapital fließt in die Branche. Das Pentagon hat 54 Milliarden US-Dollar für seine Defense Autonomous Warfare Group (DAWG) beantragt; die NATO stellte über 40 Milliarden US-Dollar für die Drohnenabwehr bereit; und das Vereinigte Königreich möchte mehr als 5 Milliarden GBP in unbemannte Systeme investieren. Auf der Kapitalseite mobilisierte Prometheus einen Fonds in Höhe von 12 Milliarden US-Dollar, Founders Fund 6 Milliarden US-Dollar und der europäische Expeditions Fund legte einen Rüstungstechnologie-Fonds über 197 Millionen Euro auf, der vom NATO-Innovationsfonds und BAE Systems unterstützt wird. Dies ist ein wichtiges Signal, da es zeigt, dass Risikokapitalfonds zunehmend Mittel bereitstellen.

Auch wenn die Verteidigung die Schlagzeilen beherrscht, fließt britisches und europäisches Kapital weiterhin in kommerzielle Systeme (Quelle: AUVSI Research)
Allerdings sollte nicht übersehen werden, dass die Verteidigung zwar die Schlagzeilen beherrscht, doch die Daten von AUVSI zeigen, dass über 40 % der europäischen Investitionen nach wie vor in kommerzielle Systeme fließen, die in Bereichen wie Logistik, Landwirtschaft, Inspektion und medizinische Robotik eingesetzt werden. Und der kommerzielle Sektor stellt ganz andere Anforderungen an den Staat als das Militär. Während die Verteidigung durch Budgets und Verträge direkt von der öffentlichen Hand finanziert wird, benötigen kommerzielle Betreiber Rahmenbedingungen, die ihnen einen verlässlichen, wiederholbaren und flächendeckenden Betrieb ermöglichen. Manna Delivery musste diese Erfahrung auf die harte Tour machen. Über sieben Jahre hinweg flog das irische Startup mehr als 300.000 Lieferungen direkt vor die Haustüren von Kundinnen und Kunden – nur um letztlich an den für das weitere Wachstum erforderlichen Baugenehmigungen und behördlichen Zulassungen zu scheitern. Im Juni legte das Unternehmen das operative Geschäft in Irland auf Eis und verlagerte seine Expansion mitsamt 1.000 geplanten Arbeitsplätzen nach Tulsa, Oklahoma.
Europa verfügt über die Unternehmen und zunehmend auch über das Kapital. Die offene Frage bleibt, ob Politik und Regulierung es der kommerziellen UxS-Industrie erlauben werden, im gleichen Maße zu wachsen wie der Verteidigungssektor. Wenn nicht, läuft Europa Gefahr, zwar die Wiege der Innovation zu sein, während andere Regionen den langfristigen wirtschaftlichen Nutzen aus deren praktischer Umsetzung ziehen.
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