„Was hält uns eigentlich noch auf?”


100.000 kommerziell betriebene Drohnen täglich in der Luft über Europa. Mindestens. Und das nicht irgendwann in einer fernen, vagen Zukunft. Sondern innerhalb weniger Jahre. Das ist kein Wunschdenken. Es ist notwendig, um Europa unabhängig und resilient zu machen. Und es ist keine Utopie. Es ist eine begründete Einschätzung – basierend auf technologischer Reife, wirtschaftlicher Nachfrage und dem, was wir heute bereits sehen.
Sinnvolle kommerzielle UAS-Anwendungen existieren. Sie sind technisch möglich. Viele davon sind heute bereits Realität. Und doch operieren wir noch immer weit unterhalb dessen, was möglich wäre. Und was nötig wäre, um mit anderen Regionen der Welt Schritt zu halten, in denen der Wille – man könnte auch sagen: der Mut – zur Umsetzung größer ist. Die Frage ist daher nicht: Sind 100.000 kommerziell betriebene Drohnen täglich realistisch? Die Frage ist: Was hält uns eigentlich noch auf?
Erstens: Regulatorik
Europa hat mit dem U-Space-Framework und dem EASA-Regelwerk weltweit Maßstäbe gesetzt. Darauf können wir stolz sein. Aber Stolz darf nicht erst zur Zufriedenheit und dann zur Erstarrung führen. Wir erleben heute, dass gut gemeinte und in der Theorie schlüssige Regelwerke in der Praxis zum Engpass werden. Nicht, weil Sicherheit falsch verstanden wird, sondern weil Standardprozesse nicht standardisiert behandelt werden. Wir brauchen Geschwindigkeit dort, wo die Risiken klar definiert und beherrschbar sind. Wir brauchen Verhältnismäßigkeit. Und wir brauchen regulatorischen Mut, um beispielsweise den BVLOS-Betrieb von der Ausnahme zum Regelfall zu machen. Oder um Drohnen auch innerhalb von Kontrollzonen zu kommerziellen Zwecken betreiben zu können.

Mit seinem Plädoyer für Mut und Entschlossenheit erhielt Dr. Gerald Wissel bei der Eröffnung der XPONENTIAL Europe viel Zuspruch
Zweitens: Akzeptanz
Drohnen sind in Teilen der Gesellschaft noch immer ein Misstrauensthema. Das lässt sich nicht mit Marketingkampagnen lösen – sondern nur mit dem, was die kommerzielle Luftfahrt über Jahrzehnte aufgebaut hat: verlässliche Abläufe, klare Verantwortlichkeiten, transparente Fehlerkultur und eine Sicherheitsbilanz, die für sich spricht. Vertrauen ist das Ergebnis praktischer Umsetzung – nicht von Kommunikation über das theoretisch Machbare. Allerdings bedarf es dafür politischer Führung. Denn wer nachgewiesene Betriebssicherheit fordert, ohne Betrieb zu ermöglichen, verlangt die Quadratur des Kreises.
Drittens: Massenproduktion und Skalierung
Ein Markt entsteht nicht durch Prototypen. Ein Markt entsteht durch Netzwerkeffekte sowie durch ökonomische und operative Zuverlässigkeit. Mit planbaren Kosten und robusten Lieferketten. Ohne industrielle Fertigung, ohne standardisierte Plattformen, ohne professionelle Wartungs- und Ersatzteillogistik bleibt der UAS-Betrieb viel zu oft teuer, fragil und schlussendlich nicht wirtschaftlich. Will Europa wirklich von anderen Weltregionen unabhängig und darüber hinaus zum Antriebsmotor der globalen Entwicklung in Sachen unbemannte Luftfahrt werden, müssen wir als Europäer hier gemeinsam besser werden.
Viertens: Drohnen sind Fluggeräte
Sie bewegen sich zwar in der Regel im unteren Luftraum – aber sie sind dennoch Teil des gesamten Luftverkehrssystems. Das bedeutet: Lufttüchtigkeit, Betriebsverfahren, Instandhaltung, Qualifikation, Luftlage – das ist nicht optional. Das ist die DNA eines Systems, das skaliert. Wer diese Logik ignoriert, wird scheitern – technisch, wirtschaftlich oder regulatorisch. Vermutlich in allen drei Punkten.
Wir brauchen einen klaren, europäischen Ordnungsrahmen, der skalierbaren Betrieb ermöglicht. Das Leitprinzip muss sein: so wenig Begrenzung wie nötig – so viel Sicherheit wie möglich. Wenn eine Drohne nachweislich sicher ist, muss sie grundsätzlich überall fliegen dürfen. Dafür müssen wir unbemannten Systemen das nötige Vertrauen entgegenbringen.

Das Regelwerk der EASA wird weltweit als richtungsweisend akzeptiert, entfacht in der praktischen Umsetzung jedoch an einigen Stellen eine erhebliche Bremswirkung
Wir brauchen ein vollständiges Luftlagebild im unteren Luftraum. Jeder, der legal fliegt, muss sichtbar sein. Und wer nicht sichtbar ist, muss sichtbar gemacht werden. ADS-L für alle Luftfahrzeuge, eConspicuity als Standard, ein vollständig digitalisierter, transparenter und interoperabler Luftraum, in dem sich sämtliche Luftfahrzeuge – bemannte und unbemannte – technisch erkennen und mögliche Konflikte bereits selbstständig vermeiden, sodass ein Pilot oder Operator zwar die letzte Entscheidung behält, aber eben nur im Ausnahmefall tatsächlich aktiv werden muss.
Wahr ist aber auch, dass illegal eingesetzte Drohnen und die Gefährdung kritischer Infrastruktur eine Realität sind, der wir entschlossen begegnen müssen. Identifikation, Detektion, wirksame Abwehr – das erfordert abgestimmte Standards, rechtssichere Verfahren und interoperable Systeme. Ein sicheres Ökosystem ist nicht nur ein Schutzschild – es ist die Voraussetzung für Wachstum auf dem legalen Markt.
All das macht es zudem einfacher, BVLOS-Missionen im Multi-Drohnen-Betrieb zu ermöglichen. Nur wenn das obligatorische 1:1-Prinzip zwischen Operator und UAS endgültig der Vergangenheit angehört, lassen sich die wirtschaftlichen und sozialen Vorteile moderner Drohnentechnologie vollumfänglich nutzen. Wer Infrastruktur überwacht oder Logistiknetze betreibt, braucht Skaleneffekte. Für Europa wird es daher ganz entscheidend sein, dass geeignete Plattformen in ausreichender Stückzahl und zu einem wettbewerbsfähigen Preis zur Verfügung stehen, um um diese Plattformen herum geeignete Ökosysteme zu schaffen. Denn Europas strategische Souveränität ist kein Nice-to-have. Sie ist eine Überlebensfrage.
Die gute Nachricht: Die Voraussetzungen stimmen. Wir haben exzellente Forschung und Wissenschaft. Wir haben innovative Start-ups mit Gründerinnen und Gründern, die wirklich etwas bewegen wollen. Wir haben politische Stabilität, Rechtssicherheit und einen der größten Binnenmärkte der Welt. Wir haben eine Industrie, die bereit ist. Und wir haben eine Community, die zusammenarbeitet.
Wenn wir diese Stärken bündeln: mit einem klaren regulatorischen Zielbild, einer industriefähigen Skalierungsstrategie und einem Sicherheitsverständnis nach dem bewährten Vorbild der traditionellen Luftfahrt – dann wird Europa nicht nur Anwender dieser Technologie. Europa wird ihr Gestalter.
DISCLOSURE
Wellhausen & Marquardt Medien, der herausgebende Verlag des Drones Magazins, ist Fördermitglied im UAV DACH. Chefredakteur Jan Schönberg ist Mitglied im Executive Board des europäischen Verbands für unbemannte Luftfahrt.